Brexit, Rechtsruck, schwindendes Vertrauen bei den Bürgern: Die Eu­ro­päische Union ist zurzeit nicht in Hochform. Umso schöner ist es dann, wenn die Europaabgeordnete Maria Noichl aus Rosenheim am AKG vor­bei­schaut und gutgelaunt, bodenständig, energiegeladen, ernsthaft be­sorgt aber hochgradig optimistisch von ihrer Arbeit im Europäischen Parlament erzählt.

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Bei Ihrem Besuch am 05. 05. 2017 entwarf sie zuerst einmal das Bild eines Mehrparteienhauses mit 28 Wohnungen, um den Schülerinnen und Schülern der 9. Jahr­gangs­stu­fe die Arbeit der EU vor Augen zu führen. Die 28 Wohneinheiten, so Noichl, seien Privatsphäre, in welche keiner eingreifen dürfe. Die Regeln auf dem Flur hingegen müssten immer wieder gemeinsam besprochen und neu verhandelt werden. Und hier betonte die Eu­ro­pa­parla­men­ta­rierin mit Nachdruck die Einhaltung der Freiheitsrechte als unverrückbare Grundlage für das Zusammenleben.

Kopfzerbrechen bereitet momentan das antidemokratische Gebaren der ungarischen Regierung. Maria Noichl fragte auch die Schülerinnen und Schüler nach ihrer Meinung, wie man als Europäische Union mit Ungarn umgehen solle. Sie plädierte dafür, sich nicht abzuschotten bzw. abzugrenzen, sondern im Gegenteil noch mehr Präsenz zu zeigen und den Kontakt bewusst zu suchen. Auch Sanktionen zu verhängen lehnte sie ab, denn dadurch würden auch die vielen proeuropäischen Gruppierungen Hilfsgelder verlieren, die für ihre Arbeit im Widerstand gegen Viktor Orban so wichtig seien.

Des Weiteren beherrscht das Ausscheiden Großbritanniens aus der Union derzeit ihre Arbeit. Sie erklärte den Schülerinnen und Schülern, warum Europa den Briten gerade eine Rechnung schreibe: Es geht hier um die Bezahlung gemeinsam entschiedener Projekte und um Ruhestandszahlungen an ehemalige Parlamentarier. Für Maria Noichl persönlich ist die zukünftige Grenzziehung zwischen Irland und Nordirland als Teil Großbritanniens ein schwerwiegender Rückschritt. Sie selbst, so berichtet sie, habe als junges Mädchen die mediale Berichterstattung über den Nordirlandkonflikt sehr geprägt. Viele EU-Gelder sind im Laufe der Jahrzehnte in lokale Aussöhnungsprojekte geflossen. Die Erfolge sieht sie durch den Brexit nun wieder in Gefahr.

Frau Noichl machte den Zuhörern bewusst, dass es für all die Probleme keine einfachen Lösungen gebe. Aber auf der Suche nach dem Bestmöglichen hilft es ihr – gerade auch als Mitglied der Afrika-Delegation – immer, Europa einmal von außen zu betrachten, damit man die bisherigen Errungenschaften wieder besser wertschätzen kann.

Sehr eindringlich appellierte die Europaparlamentarierin an die zukünftigen Wählerinnen und Wähler, sich die Folgen ihres Kreuzes schon vor der Befragung bewusst zu machen und nicht aus Protest an den etablierten Parteien unreflektiert ins Extreme zu kreuzeln. Denn Politik, so Noichl, sei kein Spiel. Politik entscheidet täglich über das Leben der Menschen.

Am Ende diagnostizierte Maria Noichl, dass Europa derzeit Schnupfen habe. Das mag nicht lebensbedrohlich sein, aber es beeinträchtigt den Organismus doch deutlich. Es bleibt zu hoffen, dass schon sehr bald eine geeignete Medizin gefunden wird.

Michaela Bösl