Nach und nach trudeln die zehnten Klassen am Bahnsteig Gleis 2 ein. Es ist Sonntagmorgen, 07:30 Uhr. Nur kurze Zeit später setzt sich der Zug in Bewegung, verlässt mit gut siebzig Schülerinnen und Schülern sowie sieben Lehrkräften den Traunsteiner Bahnhof Richtung Berlin. Ein ab­wechs­lungs­reiches kulturelles Programm wartet dort auf die Rei­se­grup­pe, die schlappe zehn Stunden später im Berliner Hauptbahnhof einfährt.

16 17 Berlin BBTor

Nach dem Beziehen der Zimmer im Hostel am Prenzlauer Berg ging's wieder stadteinwärts, und auf einem Abend­spazier­gang von der Friedrichstraße entlang der Spree mit Blick auf die Reichstagskuppel hin zum Bran­den­bur­ger Tor konnten erste Eindrücke von der deutschen Haupt­­stadt gesammelt werden. Anschließend stand ein Besuch auf der Reichs­tags­kuppel an, wo der erste Tag mit einem romantischen Sonnenuntergang ausklang.

Montagmorgen, 04:17 Uhr – leise Schritte auf den Gän­gen, leises Gemurmel, manchmal war ein Türen­schla­gen zu vernehmen, wurden wankende Personen vermutet.

16 17 Berlin Reichstag

Aber es waren keine nacht­schwärmerischen Schüler, die ihren Weg ins eigene Zimmer suchten. Es waren viel­mehr schlaf­trunkene Schülerinnen und Schüler der Klas­se 10 b, die sich um 04:30 Uhr zum Abmarsch für die ge­plan­te nächtlich-morgendliche Stadt­führung ver­sam­mel­ten.

Der Lohn für die Mühen: Sonnenaufgang am Bran­den­bur­ger Tor auf einem menschenleeren Pariser Platz. Nach einem gut dreistündigen Fußmarsch durch Berlin Mitte mit den üblichen Stadtführungs-Stationen (um nur einige zu nennen: Potsdamer Platz, Checkpoint Charlie, Alexanderplatz) gab's als Zuckerl dann mittags noch eine kleine, entspannte Spreefahrt, bei der der ein oder andere die fehlenden Stunden der Nacht egalisieren konnte.

16 17 Berlin Bundesrat1

Ein weiterer Programmpunkt an diesem Tag war der Besuch im Bundesrat, bei dem die Schüler in einem Plan­spiel eine Ausschusssitzung zum Gesetz­gebungs­ver­fahren praktisch erfahren konnten. Die Bundesregierung trug dabei im Bundesrat einen Gesetzesentwurf zur regel­mäßigen Kon­trolle der Fahr­tüch­tig­keit der Ge­ne­ra­tion 70+ vor. Dieser wurde dann zunächst von den einzelnen Landesvertretungen diskutiert.

Anschließend stellten die Schüler im Plenum die ein­zel­nen Argumente und Änderungsvorschläge dar. Schluss­end­lich teilte der Bundesratspräsident der Bun­des­re­gie­rung die Ablehnung ihres Gesetzesentwurfs mit.

16 17 Berlin Bundesrat2

Da derartige Ausschusssitzungen nicht nur für die wirklichen Politiker sehr kräftezehrend sind, ließen wir den Tag dann entspannt in einem Liegestuhl an der Spree bei den Hackeschen Höfen ausklingen.

Am Dienstag wurde ein erster kultureller Schwerpunkt gesetzt: Am Vormittag stand der Besuch des ehe­maligen Stasi­ge­fäng­nisses Hohen­schön­hausen an. Ge­führt von Zeit­zeugen, die auch über ihre eigenen Er­fah­run­gen be­rich­te­ten, wurde ein Stück deutsche Ge­schich­te hautnah erlebbar.

16 17 Berlin HSH

Deutsches Historisches Museum, Jüdisches Museum und Technikmuseum stellten die Auswahl am Nachmittag dar.

Für den Abend ließ sich Dr. Peter Ramsauer ent­schul­di­gen, da er beruflich verhindert war. Stattdessen emp­fing uns aber sein Mitarbeiter Siegfried Kneifel im Paul-Löbe-Haus und stand uns Rede und Antwort. Nach einer Einführung in den Arbeitsalltag der Mitglieder des Bundestags und Informationen zur Arbeit von "Mutti" (Bundes­kanzlerin Dr. Angela Merkel, Anm. d. Verf.) – vielleicht eine vorausgegriffene Anspielung auf den SPIEGEL-Artikel "Plötzlich Mutti" in der Ausgabe vom 15. 07. 2017, in dem der Einsatz der CDU-Chefin für die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz Thema war - kam Herr Kneifel etwas ins Schwitzen, weil ihm die Traunsteiner Gäste eine genaue Begründung für Ramsauers "Nein" bei der Homo-Ehe abringen wollten, und die Antwort, es sei eine Gewissensentscheidung gewesen, nicht ganz akzeptiert werden wollte. Unter Verweis auf die eine gesamte Nation bewegende Bedeutung des Themas erklärte Herr Kneifel, dass in solchen Situationen hin und wieder andere wichtige Tagesordnungspunkte fast untergingen. Auch der Bürger würde über diese Entscheidungen durch die Berichterstattung der Medien, wenn überhaupt, nur am Rande erfahren. Ein Beleg dafür sei die Bewilligung des Griechenlandkredits gewesen, der aufgrund der Brisanz des aktuellen Themas im Bundestag und in der Öffentlichkeit fast in Vergessenheit geraten sei. Aufgrund eines gut funktionierenden Informationsnetzwerks sei man aber in seiner Abteilung stets im Bilde.

16 17 Berlin Bundestag

In dieser illustren Gesprächsrunde haben wir einiges gelernt: Dass das Gewissen eines Politikers unantastbar ist, und dass sich nur schwer über persönliche Motive bei politischen Entscheidungen in Abwesenheit des betroffenen Politikers diskutieren lässt. Ach ja, und noch etwas: Dass Politik manchmal auch Anwandlungen eines Kuhhandels hat.

Ein Vortrag auf der Besuchertribüne des Reichstages über die Geschichte des Gebäudes und die Arbeitsweise des Parlaments bildete dann den Tagesabschluss.

Das alles verdient längere Verarbeitungszeit, das regnerische Wetter am Mittwochmorgen gewährte uns diese und so war erst am späten Vormittag Treffpunkt am Hostel zum Besuch der Berliner Unterwelten, wo ein Schwerpunkt der Schutz der Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg war. Der anschließende Nachmittag stand zur freien Verfügung, bis abends dann mit der Blue Man Group, Disneys "Der Glöckner von Notre Dame", der akrobatischen Show "Scotch & Soda" im CHAMÄLEON und dem Beatles-Musical "All you need is love" ein bunt gestaltetes, vielfältiges Programm zu Auswahl stand.

Eine Begegnung der besonderen Art hatte an diesem Abend ein Kollege. Als er kurz vor 19:30 Uhr das Treppenhaus des Hostels in die Eingangshalle zum Treffpunkt seiner Gruppe für die Abend­ver­an­stal­tung hinunterstieg, blickte er plötzlich in zwei vor Erleichterung und Freude strahlende Augen. "Irgendwoher kennst du den, aber woher?", dachte sich der Kollege. Nein, das kann nicht sein. Wie lange sitzt der denn schon da? Woher hat er die Adresse unseres Hostels? Sein Infor­ma­tions­netz­werk schien jeden­falls die benötigten Details zu liefern. Herr Kneifel erhob sich von seinem Hocker, zwei graue Bundes­tags­besucher­geschenk­taschen in der Hand, prall gefüllt mit Grund­gesetzen, Kürschners Volks­hand­büchern zum Deutschen Bundes­tag und Kürschners Information­sausgaben "So arbeitet der Deutsche Bundestag" – kleine Einblicke dazu hatten wir ja bereits am vergangenen Abend aus zweiter Hand erhalten. Sogar einige Protokolle der diskutierten Bundestagssitzung zum delikaten Thema Homo-Ehe und ein ganz besonderes Geschenk für eine Kollegin, eine Dokumentation zum Besuch Papst Benedikts IVX. im Deutschen Bundestag am 22. 09. 2011, vervollständigten den Geschenkkorb. Eine ganz besonders wichtige Information an diesem Abend war jedoch, dass die Leihgabe des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping, die zwei süßen Pandabären, ab sofort im Berliner Tiergarten zu besichtigen seien. Das nennen wir mal bürgernahen Einsatz für die Politik rund um die Uhr!

Zurück von den verschiedenen Abendveranstaltungen neigte sich erneut ein bewegender Tag dem Ende zu.

16 17 Berlin EastsideGallery

Am Donnerstagvormittag stand ein Besuch der Ge­denk­stätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße an. Dort konnten über verschiedene Schautafeln und Hörbeiträge die Schicksale vieler grenznah lebender Menschen nach­voll­zo­gen und auch nachempfunden werden. Die Ver­söh­nungs­kir­che lud dazu ein, einen Moment inne­zu­hal­ten, individuelle Aussöhnung zu erfahren, Brücken zu bauen und sich des Privilegs unseres Rechtsstaats be­wusst zu werden. Anschließend spazierten wir von der Oberbaumbrücke Richtung Ostbahnhof die East Side Gal­lery entlang, der dauerhaften Open-Air-Galerie auf dem längsten noch erhaltenen Stück der Berliner Mauer. Dort kommentierten verschiedene Künstler auf über einem Kilometer in ihren Gemälden die po­li­ti­schen Veränderungen des Mauerfalls und der Wiedervereinigung.

Den Abschlussabend der Berlinfahrt beging man in der Simon-Dach-Straße im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Und da bekanntlich Kreuzberger Nächte lang sind, traten am nächsten Morgen um 06:30 Uhr etwas müde Augen nach einem erneuten, unvermittelten Besuch unseres sehr auf die kommende Wählerschaft bedachten Herrn Kneifel die Heimreise nach Traunstein an.

Berlin, du bist so wunderbar, Berlin!

M. Ziegmann