Die Zeitzeugen Anita Lasker-Wallfisch und Niklas Frank berichten über das Grauen der nationalsozialistischen Vergangenheit.

 MG 2565 1Außergewöhnliche Begegnung: Niklas Frank nimmt Anita Lasker-Wallfisch in die Arme.

Das neue Jahr begann am Annette-Kolb-Gymnasium mit zwei außergewöhnlichen Veranstaltungen. Simon Wallfisch (Bariton) und Edward Rushton (Klavier) trugen am 10. Januar „Die Winterreise“ von Franz Schubert und Wilhelm Müller vor. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“, beginnt der bekannte romantische Liederzyklus und schlägt damit einen melancholischen Grundton an. Gebannt und ge­rührt lauschte das Publikum der wunderbaren In­ter­pre­ta­tion, in der Simon Wallfisch zuerst gefühlvoll und leise, dann wieder voll Inbrunst und mit unglaublicher Stimmgewalt die Hörer auf die „Winterreise“ mitnahm, sie entführte in eine Welt voll Sehnsucht, Hoffnung und Enttäuschung. So wun­der­te es nicht, dass sich das Publikum mit einem begeisterten Applaus bei den beiden Musikern, die per­fekt miteinander harmonierten, für dieses außergewöhnliche Konzert bedankten.

 MG 2519 270Simon Wallfisch (Bariton) und Edward Rush­ton (Klavier) trugen den romantischen Lie­der­zy­klus „Die Winterreise“ des Kom­po­nis­ten Franz Schubert vor.

Simon Wallfisch, international bekannter und renommierter Sänger und Cellist, ist der Enkel der Cellistin und Holocaust-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch und  engagiert sich im­mer wieder für Zivilcourage und gegen Antisemitismus. So be­glei­te­te er seine Großmutter, die als Zeitzeugin und Ausch­witz-Überlebende am folgenden Tag – gemeinsam mit Niklas Frank – auf der Bühne stand.

Nach einem musikalischen Auftakt am Cello durch Simon Wall­fisch begann die rüstige 92-jährige von ihrem Leben zu erzählen: Aufgewachsen in einer sehr gebildeten deutsch-jüdischen Familie in Breslau – der Vater war Rechtsanwalt und Notar, die Mutter spielte virtuos Geige – verlor sie unter der brutalen Herrschaft der Nationalsozialisten Sicherheit und Zukunft. Während die älteste Schwester Marianne nach Großbritannien in Sicherheit gebracht werden konnte, scheiterte der Versuch der Eltern, auch den beiden anderen Töchter, Renate und Anita eine Flucht zu ermöglichen. Die Eltern wurden deportiert und ermordet, die Schwestern kamen in ein Waisenhaus und mussten in einer Papierfabrik arbeiten. Dort trafen sie auf französische Zwangsarbeiter, mit denen sie aufgrund ihrer Französisch-Kenntnisse heimlich durch ein Loch in der Toilettentür kommunizieren konnten. Die Mädchen begannen, für diese Urlaubsbescheinigungen zu fälschen, um ihnen damit zur Flucht zu verhelfen und stellten sich schließlich selbst eine mit französischen Namen aus. Am Bahnhof jedoch wurden sie von der Gestapo verhaftet und zu Gefängnis- beziehungsweise Zuchthausstrafen verurteilt. Anita Lasker wurde im Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert. Dort entging sie der Selektion an der Rampe, weil sie als „verurteilter Verbrecher (...), den man noch für eine Zeugenaussage brauchen konnte“, ankam. Der beiläufigen Bemerkung beim Rasieren der Haare und Eintätowieren ihrer Häftlingsnummer, dass sie Cello spiele, hatte sie es zu verdanken, dass sie als Mitglied des Mädchenorchesters vor der Vernichtung durch Arbeit und vor dem Tod in den Gaskammern bewahrt wurde. Mit Glück konnte sie auch Bergen-Belsen überleben. „Sie ist eine der stärksten Frauen, denen ich je begegnet bin“, sagte voll Bewunderung Niklas Frank über Anita Lasker-Wallfisch.

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Niklas Frank, geboren 1939, ist der Sohn des „Schlächters von Polen“, der wegen zahlreicher Kriegsverbrechen im Nürn­ber­ger Prozess 1946 zum Tode verurteilt und gehängt wurde, und rechnet in schonungsloser Offenheit mit seinem faschistischen Vater ab. Er hob bei der Veranstaltung hervor, dass er, während Anita Lasker in Auschwitz und Bergen-Belsen Unbeschreibliches litt und miterleben musste, als „Prinz“ ein Leben im Luxus und Überfluss hatte. Der heute 78-jährige war damals überzeugt, dass seinem Vater, der seinem jüngsten Sohn nie die Liebe und Ehrlichkeit schenk­te, welche dieser sich wünschte, Polen gehörte. Der Ge­ne­ral­gou­ver­neur im besetzten Polen, glühender Anhänger Adolf Hitlers, für den er wohl alles getan hätte, gebärdete sich so. Der hochgebildete und erfolgreiche Rechtsanwalt war eiskalt und gnadenlos. Um den eigenen Besitz, die Macht und den Ruhm zu steigern, ging er buchstäblich über Leichen. Niklas Frank spürt nur Verachtung und Abscheu für diesen Vater. Diese Gefühle werden auch in seiner drastischen Sprache deutlich, die der renommierte Journalist und Autor, gewählt hat, als er 1987 im Alter von fast 50 Jahren das erste Buch über seine Familie veröffentlichte, nämlich „Der Vater – Eine Abrechnung“. Es folgten noch „Meine deutsche Mutter“, „Bruder Norman!“, „Mein Vater war ein Naziverbrecher, aber ich liebe ihn.“ und „Dunkle Seele, feiges Maul. Wie absurd, komisch und skandalös sich die Deutschen beim Entnazifizieren reinwaschen.“

Niklas Frank las aus seinen Büchern vor, was die Zuhörer stellenweise schockierte. Dabei betonte er, dass ihm der Tod des Vaters ein „verkorkstes Leben“ erspart habe. Außerdem habe ihm die Auseinandersetzung mit dessen mörderischem Treiben eines gelehrt: Zivilcourage zu zeigen. Dass er diese besitzt, hat Herr Frank nicht nur in seinem Berufsleben als Reporter aus Kriegsgebieten bewiesen, sondern sie wird auch im persönlichem Kontakt mit ihm deutlich – eine der Seiten, die Frau Lasker-Wallfisch besonders an ihm schätzt. Die beiden, das spürte man, verstehen sich trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Lebensläufe. Auf den Hinweis aus dem Publikum, ihre Tische stünden doch recht weit auseinander, antwortete Frau Lasker-Wallfisch fast entrüstet: „Meistens sitzen wir nebeneinander und rauchen eine Zigarette zusammen. Also glauben Sie nicht, dass wir verfeindet sind, im Gegenteil!“. Die herzliche Umarmung nach der Veranstaltung bestätigt dies.

Musikalisch umrahmt wurde diese wirklich außergewöhnliche Begegnung auf berührende Art und Weise durch Simon Wallfischs Cellospiel, der die Suite Nr. IV aus J. S. Bachs „Sarabande“, einen selbst für Cello und Gesang arrangierten Kaddisch, und „Prayer“ aus Ernest Blochs Zyklus „From Jewish Life“ vortrug.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die Offenheit der beiden Zeitzeugen und deren Kommen, denn – wie Schulleiter Bernd Amschler in seinem Grußwort betont hat – durch solche wird viel mehr vermittelt als durch Schulbücher, nämlich für die Gegenwart und Zukunft zu lernen, damit sich solches Grauen niemals wiederhole, wachsam zu sein – und Zivilcourage zu zeigen.

Sabine Prock/Bilder: Helmut Floder

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