Es verspricht, ein unterhaltsamer Unterricht zu werden, wenn an die Stel­le des Lehrers ein aus Funk und Fernsehen bekannter Kabarettist tritt. Und doch war es nicht der Kabarettist, der an diesem Vormittag vor den Schülerinnen und Schülern des AKG ge­spro­chen hat, sondern in er­ster Linie der Mensch Christian Springer, der sich mit Herzblut und einem großen Teil seiner Zeit, die er nicht auf der Ka­ba­rett­büh­ne verbringt, für die humanitäre Hilfe an syrischen Flüchtlingen ein­setzt.

17 18 Christian Springer

„Die Welt ist im Wandel, die Welt ist schlimm“, so be­grüßte Schulleiter Bernd Amschler den prominenten Gast, „und trotz­dem setzen Sie ein Zeichen, sich nicht entmutigen zu las­sen.“

Als Gründer der Organisation Orienthelfer e. V. reist Chris­tian Springer mehrmals im Monat in den Li­ba­non, um von dort aus schnell, direkt und nachhaltig zu hel­fen. Immer wie­der nutzt er auch seine öffentliche Rolle, um hierzulande über die Zustände im Nahen Osten zu in­for­mie­ren: im Fern­sehen, vor dem Bundestag, vor höchs­ten Ent­schei­dungs­trä­gern im Europarat und am Frei­tag, dem 02. 03. 2018, vor den Schülerinnen und Schü­lern des Annette-Kolb-Gymnasiums in Traunstein. Sein Ziel sei es, „Köpfe und Herzen zu er­rei­chen“, so Springer.

Und es reichen wenige Erzählungen aus seinen Erlebnissen vor Ort, um eine spürbare Betroffenheit unter den Schülern und Lehrern zu erzeugen: Da ist zum Beispiel der syrische Freund und Mitarbeiter von Christian Springer, dem von den Machthabern verboten wurde, für die medizinische Hilfsorganisation Roter Halbmond Kriegsverletzten zu helfen. Nachdem er stattdessen zum Kriegsdienst einberufen wurde, entschloss er sich zu Desertation und Flucht. Daraufhin landete seine Familie in den Folterkellern von Damaskus.

Ein weiteres erschütterndes Beispiel ist das Schicksal der fünfjährigen Zwillinge, die innerhalb kürzester Zeit zu schwer traumatisierten, heimatlosen Waisen geworden waren.

Christian Springers Ziel ist jedoch nicht, Bestürzung auszulösen, sondern aufzurütteln. Aufzurütteln gegen die Ermüdung und Hilflosigkeit, die sich hierzulande breitmacht gegenüber immer undurchsichtigeren Machtstrukturen und immer neuen Schreckensmeldungen eines nicht enden wollenden Krieges in Syrien. Gerade das sei es, worum ihn oft schwer verletzte Kriegsopfer anflehen würden: über das Elend in Syrien zu berichten, die Informationen nach Deutschland zu bringen, damit die Opfer nicht vergessen werden.

An die Schülerinnen und Schüler des Annette-Kolb-Gymnasiums richtete Springer vor allem einen Wunsch: „Informiert Euch, schaut über den Tellerrand hinaus!“. Und es wird spätestens an diesem Punkt klar, dass Christian Springer nicht nur nach Traunstein gekommen ist, um über die Zustände im Nahen Osten zu berichten und schon gar nicht, um von den Schülerinnen und Schülern Spenden einzutreiben. Sein wahrscheinlich größtes Ziel ist das Ringen um mehr Mitmenschlichkeit: „Es muss eine Mitmenschlichkeit geben, weil wir sonst untergehen. Menschen zu helfen, ist absolute Pflicht!“ Dabei geht es Springer bei weitem nicht nur um die Weltpolitik, sondern um mehr Menschlichkeit im alltäglichen Miteinander.

Gerade Ausgrenzung und Vorurteile rührten oft von einer Uninformiertheit über die eigene Geschichte. Was folgt ist ein Parforceritt Springers durch Stationen der Weltgeschichte von der Steinzeit bis heute. Und dem Bühnenmenschen und Kabarettisten gelingt dieser äußerst unterhaltsam! Dennoch wird seine Aussage deutlich: Wer glaubt, sich über andere erheben zu können, vergisst die dunklen Seiten, die es in der Geschichte jeder Kultur gibt. Wer die christlich-abendländische Kultur über andere stellt, sei schlichtweg schlecht informiert. Stattdessen sei es ratsam, das Augenmerk auf das zu legen, was verbindet. Der Grundsatz eines mitmenschlichen Umgangs liege sowohl dem Christentum als auch dem Islam zugrunde.

Und wieder richtet Christian Springer seinen ganz persönlichen Appell an die Schüler: „Versucht, gut in der Schule zu sein! Informiert Euch, damit Ihr Euch eine eigene Meinung bilden könnt! Versucht, in Eurem Leben etwas zu bewirken, egal ob als Familienvater oder in einer verantwortungsvollen beruflichen Position!“

Dass es Springer an diesem Vormittag im Annette-Kolb-Gymnasium tatsächlich gelungen ist, Köpfe und Herzen zu erreichen, zeigte nicht nur die gebannte Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler, sondern auch die Tatsache, dass einige selbst nach Unterrichtsschluss noch ausharrten, bis Christian Springer auch ihre letzten Fragen beantwortet hatte.

Birgit Detsch