Wenn man den Schülerinnen und Schülern der 9. Jahrgangsstufe nachhaltig etwas zum Europäischen Einigungsprozess beibringen möchte, hat man eigentlich nur eine Möglichkeit: Man lädt die Europaabgeordnete Maria Noichl aus Rosenheim ein. Mit sehr viel Leidenschaft für ihre Arbeit berichtet sie recht mitreißend und vor allem anschaulich von den Errungenschaften der EU, blickt aber auch besorgt auf deren derzeitigen Zustand. Und all das erzählt die ehemalige Lehrerin in Bildern.

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Zuerst einmal zeichnet sie ein großes rotes Herz, denn Europa ist in erster Linie ein Friedensprojekt. Das zwei­te Bild ist ein Mehrparteienhaus mit 28 Eigen­tums­woh­nun­gen. Das Leben in den Wohnungen sei, so Noichl, Pri­va­tan­ge­le­gen­heit, doch die Regeln auf dem Flur müs­sen immer wieder ausgehandelt werden und das ist nicht immer leicht, bisweilen sogar ziemlich schwie­rig, aber für Bürger und Verbraucher letztendlich von großem Vorteil.

In der Wohngemeinschaft der 28 ist das Ausscheiden Großbritanniens natürlich derzeit eines der vorherrschenden Themen. Aber auch mit den Wohnungseigentümern Polen und Ungarn gibt es Schwierigkeiten. An dieser Stelle weist die Parlamentarierin entschieden darauf hin, dass Europa einen großen Fehler gemacht habe: Es gibt zwar die Kopenhagener Kriterien, welche ein Land erfüllen muss, um in die EU hineinzukommen – hier entwirft sie das Bild eines Schlüssellochs – doch fehlt in der Folge ein Ehevertrag. Was ist, so stellt sie die Frage, wenn das Zusammenleben mit einem Mitgliedsstaat einfach nicht klappt? Die Europäische Gemeinschaft kontrolliert im Falle von Ungarn und Polen zwar, ob deren Finanzen stimmen, nicht jedoch, ob die Freiheitsrechte eingehalten werden. Mangels Einhaltung von Freiheitsrechten befindet sich der Beitrittskandidat Türkei derzeit nicht mehr auf direktem Weg hin zum Schlüsselloch, sondern auf einer, so Noichl, Biathlon-Strafschleife.

Eines ist Maria Noichl ganz wichtig: Auch Deutschland gehört nicht immer zu den Besten. Auch wir haben schon mahnende Briefe aus Brüssel erhalten, z. B. weil Väter in Deutschland nach einer Scheidung rechtlich sehr schlecht gestellt sind – am schlechtesten von allen 28 Ländern.

Man könnte Frau Noichl noch ewig zuhören, wenn sie aus dem Nähkästchen plaudert. Sie erzählt von ihrem Vater, der Gemeinderat in Aising war und der ihr beigebracht hat, dass man nicht nur vor der eigenen Haustüre kehrt, sondern sich auch für die Gemeinschaft einsetzt. Sie erzählt, wie sie in Burkina Faso als EU-Wahlbeobachterin tätig war und mit einer Kontrollliste in der Hand überprüfte, ob von Seiten des Militärs Druck auf die Wähler ausgeübt wird. Und sie erzählt vom „stummen Parlament“ in Straßburg, in dem es keine Zwischenrufe oder ähnliches gebe, weil jeder Abgeordnete hochkonzentriert auf die Übersetzung mittels Kopfhörer achte.

Stumm kann man sich Maria Noichl nach diesen 90 Minuten eigentlich auch im Europaparlament gar nicht vorstellen. Wenn sie mit ebensolcher Energie, Entschlossenheit und Leidenschaft in Straßburg und Brüssel agiert wie in der Aula des AKG, dann weht zumindest wieder ein positiver Wind durch die Stuhlreihen.

Michaela Bösl